Digitrends

Vor vier Tagen fand die dritte ICT-Konferenz statt. In meiner Rolle als ehrenamtlicher Präsident vom Verein IT St.Gallen durfte ich sie moderieren und mich sowohl im Glanz der hervorragenden Organisation durch die IHK St.Gallen-Appenzell als auch im Glanz der fünf Kurzreferate, die dem Publikum ein breites Spektrum an Digitrends boten, sonnen.

Die Referate wurden für den IHK-Kanal aufgezeichnet. Mein Schlusswort bestand nicht zuletzt aus Literaturhinweisen.

Inspired

Vor zehn Jahren und knapp einem Monat, unmittelbar nachdem wir am 29. Februar 2008 die Inturico Engineering GmbH in die Doodle AG umgewandelt hatten, haben Doodle-Erfinder Myke und ich unseren ersten Mitarbeiter angestellt: Reto. (Gut zwei Jahre später haben wir dann auch noch seinen TestingTime-Mitgründer Oli angestellt.)

In seiner Rolle als VP of Product Management hat Reto irgendwann die erste Auflage von Inspired angeschafft und zur Pflichtlektüre für mich als CTO und andere gemacht. Weil ich das Buch als sehr gut in Erinnerung hatte, habe ich Ende letzten Jahres die zweite Auflage bestellt und Anfang dieses Jahres erhalten. Und erfreulicherweise ist auch die zweite Auflage sehr gut; so gut, dass ich sie allen wärmstens empfehle, die sich für das interessieren, was im Untertitel steht:

How to create tech products customers love

 

Tafeln

Zwei zentrale Praktiken von Kanban sind die Visualisierung der Arbeit und die Limitierung der begonnenen Arbeit (neudeutsch: Work in Progress [WIP]).

Vor wenigen Monaten ist Making Work Visible erschienen, das sich – wie es sein Titel schon sagt – insbesondere mit ersterem auseinandersetzt, aber auch zweiteres behandelt. Das Buch wäre gar nicht schlecht, wenn da nicht der schreckliche Abschnitt 1.2 wäre, der auf einem Vortrag basiert, in dem schludrig Gleichverteilung impliziert wird. Um das Restaurant-Beispiel aufzugreifen: wenn vier Personen zum z’Nacht verabredet sind, ist die Wahrscheinlichkeit nicht zwingend nur 1/16, dass sie alle pünktlich sind; es könnte sich ja um vier Schweizer handeln. 😉 Den gleichen Denkfehler musste John Oliver vor neun Jahren schon einem Mathe-Lehrer(!) austreiben

Für die Visualisierung habe ich zuletzt oft Trello verwendet, war u.a. mangels WIP-Limiten damit aber nie ganz glücklich, weshalb ich auch schon Asana boards, GitLab boards u.v.m. ausprobiert habe. Kürzlich habe ich jedoch eine Trello-Erweiterung von Corrello entdeckt, welche WIP-Limiten bietet, so dass Trello nochmals eine Chance erhält.

Übrigens ist meine Lieblingseinführung in Kanban nach wie vor Agile Project Management with Kanban.

Feuerfuchs

Mindestens seit der Gründung der Squeng AG vor ziemlich genau drei Jahren waren Chrome und Edge meine beiden Haupt-Browser. Um meine Abhängigkeit von Google (u.a. Gmail, Calender und Drive für private Post, Termine resp. Dateien) und Microsoft (u.a. Outlook und OneDrive für geschäftliche Post sowie Termine resp. Dateien) wenigstens pro forma ein bitzeli zu reduzieren, habe ich beschlossen, Firefox nach langer Zeit wieder zu meinem Haupt-Browser zu machen sowie DuckDuckGo zu meiner Haupt-Suchmaschine.

Zu Testzwecken werde ich Chrome und Edge nach wie vor verwenden, zumal es entsprechende Erweiterungen für Visual Studio Code gibt (und für Firefox zumindest noch nicht von Microsoft). Und für mein schlaues Telefon gibt es halt nur Edge … 🤨

Silicon Valley

Das Silicon Valley wird von aussen oft mit Ehrfurcht (und wohl auch etwas Neid betrachtet) und dient nicht selten als grosses Vorbild, dem man insbesondere in Startup-Kreisen nacheifern möchte. Dabei weiss man nicht zuletzt dank Silicon Valley (it’s funny because it’s true …), dass auch dort nicht nur eitel Sonnenschein herrscht. Letzte Woche habe ich zwei gute Beiträge gelesen, welche Schattenseiten thematisieren, einerseits The Other Tech Bubble von Erin Griffith (via Fred Wilsons What Happened In 2017) und andererseits das Tagi-Interview mit Jonas Lüscher.

Die Förderung von MINT-Fächern sieht Jonas Lüscher meiner Meinung nach zwar zu pessimistisch, aber der Teufel steckt wie immer im Detail: M(athematik) als Grundlage nicht nur von INT zu fördern finde ich sehr wichtig, während man sich über die sinnvolle Förderung von I(informatik) noch streiten darf und muss. Vielleicht könnten er und ich uns darauf einigen, dass es wünschenswert wäre, sich an den Erkenntnissen aus Lifelong Kindergarten zu orientieren. (Das Buch ist mir letztes Jahr noch durch die Lappen gegangen, dafür war es ein super Start in das Sachbuchjahr 2018.)

Bücherregal 2017

Auch dieses Jahr habe ich wieder viele Bücher gekauft und die meisten davon sogar gelesen. Dabei beziehe ich mich weder auf die Michael-Connelly-Serien, die ich zur Zeit durchlese, noch auf Ready Player One, das mir als 80er-Jahre-Kind so gut gefallen hat, dass ich für seine Verfilmung mal wieder ins Kino gehen werde, sondern nur auf Sachbücher. (Auch Dark Matter ist äusserst unterhaltsam, aber ich schweife ab …)

Von den nicht-technischen Sachbüchern hat mir The Little Book of Beyond Budgeting am besten gefallen. Mit Beyond Budgeting werde ich mich weiter auseinandersetzen, passt es doch hervorragend zu agilem Projektmanagement, Customer Development etc. (Auch The Startup Way dürfte gut dazu passen, doch das habe ich noch nicht einmal gekauft.)

Die grösste Enttäuschung war Programming with Scala – wie sich herausgestellt hat, ist der Autor weder ein guter Lehrer noch ein guter Programmierer; Scala wird damit ein Bärendienst erwiesen. ☹ Die anderen technischen Bücher waren glücklicherweise gut bis sehr gut.

Die meisten Gedankenanstösse gegeben haben mir die Bücher von Mark Schwartz: The Art of Business Value lege ich allen nahe, die bereits agiles Projektmanagement betreiben (in Scrum z.B. also dem ganzen Scrum Team bestehend aus dem Product Owner, dem Development Team und dem Scrum Master). A Seat at the Table (sowie A Reader’s Guide to a Seat at the Table) empfehle ich allen Mitgliedern von Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen von Firmen (und entsprechenden Organen anderer Organisationen), die von Software abhängen – und wer ist das im Zeitalter der Digitalisierung nicht? Phasenweise sieht der Autor zwar Bewegungen wie DevOps sogar für meinen Geschmack zu rosarot, und von Test-Driven Development wird man mich auch im neuen Jahr nicht überzeugen können, doch das tut dem Inhalt keinen Abbruch. Und obwohl er nicht selten etwas schneller auf den Punkt hätte kommen können (was er ja kann, wie man am Reader’s Guide erkennt), ist die Zeit für die Lektüre gut investiert.

Ä guets Neus!

Block me if you can

Adblocker im Allgemeinen und Adblock Plus im Speziellen sind gelinde gesagt umstritten. Man denke nur an die Adblockgate-Serie von vor vier Jahren, den Artikel im Feuilleton der FAZ von vor einem Jahr oder den Entschluss des Oberlandesgericht München vom letzten Monat.

Ich selbst habe immer auf Adblocker verzichtet, schon vor meiner Doodle-Zeit, während meiner vor allem werbefinanzierten Doodle-Zeit (alles andere wäre heuchlerisch gewesen) und auch noch nach meiner Doodle-Zeit (stattdessen gönne ich mir nun für wenige Franken pro Monat ein werbefreies Premium Doodle).

Dabei ist mein grösster Vorbehalt gegenüber Adblockern weder ein geschäftlicher noch ein juristischer, sondern ein rein technischer, wie mir diese Woche wieder in Erinnerung gerufen wurde.

Erinnert wurde ich an den einen Samstag Nachmittag vor plus/minus fünf Jahren, als u.a. David und ich unser freies Wochenende unterbrachen, uns an unsere Rechner setzten (ich zu Hause und David vermutlich von unterwegs) und den zahlreichen Fehlern nachgingen, die uns plötzlich gemeldet worden waren. Als Ursache hatte sich dann eine Verschlimmbesserung eines Adblockers herausgestellt, der übereifrig nicht nur Werbung ausgefiltert hatte, sondern auch kritische Funktionalität. Dass gewisse User es anschliessend völlig OK fanden und keiner Entschuldigung würdig, mit ihrem schlechten Adblocker unseren Nachmittag versaut zu haben, nennt man dann wohl adding insult to injury.

Und diese Woche? Eine Web-App, an deren Entwicklung ich mitwirke und die sowohl werbefrei ist als auch auf Google Analytics verzichtet (und stattdessen Piwik einsetzt), verhielt sich bei einem von uns Entwicklern fehlerhaft. Zum Glück habe ich nicht zu lange versucht, den Fehler an meinem Rechner zu reproduzieren, sondern ihn mir bald mal am anderen Rechner zeigen lassen. Dabei ist mir oben rechts in der Browserleiste das Adblocker-Symbol aufgefallen; kaum war der Adblocker deaktiviert, war auch der Fehler weg …

Werkzeuge

Lochkarten habe ich nicht mehr erlebt, Maschinensprache (auch ausserhalb von Grundlagen und Techniken des Compilerbaus) gerade noch, aber meine Werkzeugkiste war zu Beginn meiner Karriere (um die Jahrtausendwende) trotzdem noch primitiv und bestand abgesehen vom Java Development Kit (JDK) im Wesentlichen aus TextPad. Erste Gehversuche mit einer integrierten Entwicklungsumgebung (integrated development environment, IDE), nämlich NetBeans, änderten 2001 daran noch nichts.

In den letzten zehn Jahren war dann doch eine IDE, nämlich Eclipse (bei Squeng in Form der Scala IDE), mein wichtigstes Werkzeug. Dazu gesellte sich schon nach Doodles Wechsel von Subversion zu Git noch SourceTree.

Wie Oli von TestingTime haben zwischenzeitlich nicht wenige meiner Kollegen aus der Java- oder Scala-Welt von Eclipse auf IntelliJ gewechselt (oder setzen wie Martin von Odddots nebst Visual Studio auch WebStorm ein). Obwohl ich keine Vorbehalte gegen russische Software habe, habe ich trotz einiger Nachteile von Eclipse und zahlreicher Vorteile von IntelliJ bisher auf einen Wechsel verzichtet (obwohl Squeng noch von JetBrains‘ Startup-Rabatt profitieren könnte): IntelliJ ist zweifelsohne wahnsinnig mächtig, wirkt aber halt auch gross und schwerfällig.

Stattdessen habe ich an Visual Studio Code einen Narren gefressen: leichtgewichtig, nützliche Erweiterungen aus vertrauenswürdigen Quellen und sogar kostenlos.

VSC

Übrigens: Eine treibende Kraft hinter Eclipse damals und hinter Visual Studio Code heute ist der Schweizer Erich Gamma, der ein paar Jahre vor mir am Ubilab war. Ich war nur im Sommer 1998 als Praktikant dort (so wie auch Marissa).

2 + 2

Nach zwei Firmengründungen mit operativer Tätigkeit (doodle.com von 2007 bis 2014 einerseits und squeng.com seit 2015 andererseits), wurde am Montag nach der Elohna GmbH die zweite Firma gegründet, von der ich nur Mitinitiator bin, nämlich die Ledgy AG.

Das Gründerteam ist wieder zu dritt. Das Investorenteam hingegen besteht neu nebst Myke und mir aus Luzius, Elena und Adi.

Viel Spass & Erfolg, Yoko, Timo & Ben!

 

Dé­jà-vu

Ein Interview im gestrigen Tagi hat bestätigt, dass es vor einem Jahr richtig war, das Buch von Tapscott & Tapscott nicht zu Ende zu lesen: lots of words, little content. Nur schon Wilsons Kommentare zu ICOs sind viel fundierter.

Ebenfalls richtig war vor einem Jahr, das Lehrbuch von Narayanan et al. zu berücksichtigen. Ausserdem finde ich Wattenhofers Beitrag wertvoll, Blockchains in einem grösseren Kontext zu behandeln.

Trotz aller Skepsis finde ich das Potenzial von Blockchains reizvoll und werde mich weiterhin sporadisch mit dem Thema auseinandersetzen; sei es über Artikel, die mir Myke empfiehlt, sei es über Bücher, die ich schon vorbestellt habe, oder sei es über das nach Elohna nächste mitinitiierte Startup, welches wir am 3. Juli gründen werden.