Bitcoin, Blockchain und Bücher

Die Themen Blockchain im Allgemeinen und Bitcoin im Speziellen habe ich lange vor mich hergeschoben. Sporadisch habe ich zwar Vorträge besucht (vor gut zwei Jahren die Vorträge von Luzius Meisser und Thorsten Hens an einer New Media Session bei Tamedia und vor gut zwei Monaten den Vortrag von Andreas Antonopoulos am START Summit) und Artikel gelesen (wie The Blockchain Application Stack meistens via Fred Wilson), aber mir nie eine eigene Meinung gebildet. Das wollte ich diesen Frühling ändern.

Im April habe ich deshalb The Age of Cryptocurrency gelesen und im Mai Blockchain Revolution. Ersteres kann ich auch einer nicht-technischen Leserschaft wärmstens empfehlen. Letzteres habe ich nur bis zur Hälfte gelesen und den Kauf und vor allem die investierte Zeit bereut: zigmal wird nämlich -überspitzt zusammengefasst- behauptet, dass Blockchain + Magic Dust = Silver Bullet, ohne dass die Blockchain erklärt oder der Magic Dust plausibilisiert wird. Es ist fast schon erstaunlich, dass die Autoren trotz des Hypes um das Buch und in dem Buch nicht auch noch behauptet haben, dass Blockchain-Technologie sämtliche Krankheiten ohne Nebeneffekte heilen wird …

Im Sommer werde ich nochmals einen neuen Anlauf nehmen müssen, diesmal aber auf der Basis einer technischen Quelle. Nichtsdestotrotz wage ich auf wackeliger Grundlage eine erste Einschätzung:

  • Pessimistisch:
    • Bitcoin ist bereits die Killer-App der Blockchain, es wird nicht viele weitere geben. (Ob sich Bitcoin deshalb zu einem guten Geld- oder Gold-Ersatz mausern wird, weiss ich leider nicht.)
    • Die Blockchain leidet wie sämtliche schlüssel-basierten kryptographischen Systeme unter dem Problem der Schlüssel-Verwaltung, was ihren theoretischen Eigenschaften praktische Grenzen setzt. (An dieser Stelle sei mal wieder verwiesen auf Cryptography Engineering.) Denn auch wenn ein Public Key direkt als Pseudonym fungiert, kann der zugehörige Private Key verloren gehen oder missbraucht werden. Oder wer hat noch nie weder ein Passwort vergessen noch einen physischen Schlüssel verloren?
      Und ich hege den Verdacht, dass viele Nicht-Informatiker sich dieses Aspekts noch gar nicht bewusst sind, was in zu optimistischen Artikeln und Vorträgen (ab Minute 69) resultiert. (Blossstellen möchte ich mit den beiden Beispielen niemanden; es handelt sich schlicht & einfach um den letzten Artikel resp. Vortrag, an den ich mich gerade erinnern kann.)
    • VC-Fonds, die sich auf Bitcoin/Blockchain beschränken, sind ähnlich kurzsichtig wie Investoren, die seinerzeit nur noch auf Ruby-on-Rails-Projekte setzen wollten, obwohl es sich dabei schon damals um ein austauschbares Implementations-Detail gehandelt hatte.
  • Optimistisch:
    • Die Blockchain bietet eine lehrreiche Fallstudie für den Entwurf kryptographischer Protokolle und ihrer konkreten Umsetzung in Form von Software.
    • Die Blockchain wird weiterhin die Phantasie beflügeln und zu Ansätzen anregen, die bis vor kurzem wohl im Keim erstickt worden wären (z.B. über Organisationen verteilte Datenbanken mit hoher Transparenz für Bürger, Kunden usw. – unabhängig davon, ob man sie dann mit kryptographischen Bausteinen aus der Blockchain umsetzt oder anders).
    • Nicht selten liege ich falsch mit meinen Einschätzungen. 🙂

 

 

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